Mittwoch, 17. Februar 2010

Blut, Schweiß und Tränen

- das alles hat es für mich in Mooroopna, das sich stolz als fruit salad city bezeichnet (kein Scherz!), gegeben. Aber von vorne!

Meine Reise in die Welt der Erntehelfer begann zunächst mit einer Zugfahrt: In etwas mehr als 2 Stunden brachte mich die V-Line (vergleichbar mit der Regionalbahn) irgendwo ins Nirgendwo, der Bahnhof war eine Bretterbude gegenüber einer Fruchtdosenfabrik. Darüberhinaus keine Spur menschlicher Zivilisation und so fragte ich zwei Backpacker, die zusammen mit einem Mann in neongelber Arbeitsweste am Bahnsteig saßen, erst mal nach dem Supermarkt, an dem ich abgeholt werden sollte. Es stellte sich heraus, dass dieser einen ordentlichen Fußmarsch entfernt war, den ich mit vollem Rucksack bei sengender Sonne und 35 Grad im Schatten nicht antreten wollte. Ismail, der Mann in der Leuchtweste, bot mir aber freundlicher Weise an, mich mit seinem Auto dorthin zu fahren und wollte mich auf dem Weg dorthin schon gleich zum Tomaten pflücken abwerben. Ich habe dankend abgelehnt, mich im stark klimatisierten Supermarkt mit Dosenfutter eingedeckt und schließlich Karen getroffen, die mich mit dem Auto zur Farm, den Turnbull Orchards (http://www.turnbullorchards.com/), brachte. Karen arbeitet im Büro und stellte sich nicht als sonderlich gesprächig heraus, immerhin konnte ich ihr aber entlocken, dass zur Zeit etwa 80 Leute als Erntehelfer arbeiten, die meisten Backpacker und aus Frankreich. Was sie mir verschwiegen hat, bei meiner Ankunft im Camp aber ersichtlich wurde: fast alle männlichen Geschlechts. Ich war, neben 5 anderen Mädchen, sozusagen das Huhn im Korb.

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Das Camp selbst bestand aus einem Waschhaus mit eher primitiven Toiletten und Duschen für Jungs und Mädels und einem Kochhaus mit Küche, Kühlräumen und einem großen Essraum. Wir Erntehelfer waren in Betonbarracken, die jeweils in 4 Doppelzimmer unterteilt waren, untergebracht. Ich habe Zimmer 26 bezogen, einen Mitbewohner im eigentlichen Sinne hatte ich nicht – dafür hat es sich aber eine Moskitogroßfamilie bei mir gemütlich gemacht. Kein Wunder, bei der Aussicht! :-)

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Eine erste heiße (und damit ist jetzt nur die Zimmertemperatur gemeint!) Nacht mit quälenden Gedanken - “Was sticht mich da? Ist das ein Moskito? Oder gibts hier Bettwanzen? Bitte, lass es keine Bettwanzen sein… Verdammt, was mach ich hier eigentlich?” – später beginnt die Arbeit. Gemeinsam mit zwei weiteren Neulingen werde ich in die Sicherheitsbestimmungen des Jobs eingewiesen (“Immer schön aufpassen, dass man nicht von der Leiter fällt!”) und anschließend auf Birnenbäume losgelassen, die es abzuernten gilt. Dabei müssen die Birnen (mit Stil!) gepflückt und dann in eine große Bauchtasche gelegt werden. Erst wenn die voll ist darf man zum Bin, einer Riesenholzkiste, die mir weit übers Knie reichte und etwa 420kg Birnen fasste, gehen und sie entleeren. Dass man auf dem Weg dorthin wie eine schwangere Seekuh durch die Birnenreihen torkelt stört eigentlich niemanden. Ich habe es als Schwangerschaftssimulation aufgefasst und bin jetzt bestens vorbereitet – auf Drillinge. :-) Dann heißt es zurück zum Baum gehen und weiterpflücken, wenn möglich in einem hohen Tempo, denn man wird nicht pro Stunde, sondern pro Bin bezahlt. Für einen vollen Bin gibt es entweder $34 (fürs strippicking, d.h. wenn alle Birnen abgeerntet werden) oder $38,50 (fürs sizepicking, d.h. wenn nur Birnen ab einer bestimmten Größe gepflückt werden). Gearbeitet wird von 6:30 bis 15:00 Uhr und manche Franzmänner haben in dieser Zeit bis zu 6 Bins geschafft. Klein Eva hat es gen Ende ihrer Erntehelferzeit immerhin auf 2 Bins pro Tag geschafft, aber nicht ohne Blut, Schweiß und Tränen. Blutig waren meine Schienbeine, weil ich mehr als einmal mit Susie, meiner Aluminiumleiter, gekämpft habe – die war aber auch zickig… und schwer. Der Schweiß floss automatisch, bei strahlendem Sonnenschein und 20kg Birnen vorm Bauch. Und die Tränen waren der Anstrengung, der Erschöpfung und schließlich auch der Wut über die Ausbeutung geschuldet. Denn der Job als Erntehelfer ist nicht nur ein Knochenjob, er ist wahre Sklavenarbeit. Es beginnt damit, dass man für die Farmbetreiber bzw. Aufseher nichts weiter als eine Nummer ist. Jede Konversation mit den Zuständigen begann gleich: “What’s your number?” - “334!” Diese Nummer steht auf den Bins, die du füllst; im Buch, in dem deine Bemühungen vermerkt werden; auf dem Gehaltszettel, den du am Ende einer Woche erhälst. Als wir die Farm verlassen wollten sind wir ins Büro gegangen: “Do you need our first name or our last name?” - “Oh, just your number.” (“Brauchen Sie unseren Vor- oder Nachnamen?” - “Oh, nur die Nummer!”) Vielleicht liegt es an dieser Entpersonalisierung der Angestellten, dass diese auch unter den widrigsten Bedingungen ins Feld geschickt werden. So auch am Tag meiner Abreise: Es hatte die ganze Nacht wie aus Eimern geschüttet, das Camp war ein einziges Schlammbad und wir stellten uns auf einen Tag ohne Arbeit und mit endlosen Kartenspielen ein. Von wegen! Um 7 Uhr kam der Sklaventreiber ins Camp, alle mussten ins Feld. Kaum hatte man 3 Birnen gepflückt triefte man von Kopf bis Fuß, die Füße quietschten bei jedem Schritt in den durchtränkten Schuhen, der nasse Pflückbeutel klebte am Unterleib und vor meinem inneren Auge begann das Warnsignal “Blasenentzündung” zu leuchten. Als es dann auch noch hieß “Auch morgen müsst ihr arbeiten.” (es wäre Samstag, der einzige freie Tag in der Woche gewesen) stand mein Entschluss fest: Ich gehe! Und rufe der Welt der Erntehelfer ein lautes: Auf Nimmerwiedersehen! zu.

Ganz so einfach war es dann letztendlich doch nicht. Denn gerade weil die Arbeit so anstrengend und manche Situation so unmenschlich waren macht man im Camp vor allem eines: Die Erfahrung echten freundschaftlichen Zusammenhalts. Auch wenn ich mit den Franzosen hier und da ein Bier getrunken und das ein oder andere Kartenspiel gespielt habe, so sind mir vor allem 3 Menschen in meiner Woche als Erntehelfer ans Herz gewachsen: Estländerin Mariliis und meine beiden irischen Nachbarn Colin und Val. Und deshalb gab es auch beim Abschied vom Camp Tränen – immerhin verbunden mit der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen in Melbourne… Vorher mache ich aber erst noch mal Tasmanien unsicher, morgen geht’s los. Und ich werde Auto fahren – hoffentlich auf der richtigen Seite der Straße. ;-)

Es bleibt also spannend und ich hoffe ihr mir treu…


1 Kommentar:

  1. Liebe Eva,
    Applaus, Applaus! Es ist einfach toll, wie tapfer du diesen harten Erntejob hinter dich gebracht hast. Das australische Dschungelcamp ist nix dagegen. Dort sind die Moskitos auch viel kleiner und die Bins sowieso. Deine realistische Schilderung hat uns wieder sehr viel Freude gemacht. Schön, dass du wieder auf der Sonnenseite deiner Forschungsreise angekommen bist.
    LG. von Ono und Ogü

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